Wer hatte die Schaufel zuerst?

Vom Teilen und warum ich diese Frage schwierig finde

Eben noch hat mein Sohn seelenruhig mit einem Plastikbecher Sand in einen Eimer befördert. Die blaue Schaufel lag unbeachtet daneben. Doch kaum greift seine Schwester nach ihr, ist der Becher vergessen: Plötzlich ist es genau diese Schaufel, die er braucht. Nur Millisekunden später beginnt das große Gezerre um das blaue Sandspielzeug.

In solchen Momenten bin ich schon froh, wenn nur gezerrt wird. Denn meistens entsteht zusätzlich ein großes Geschrei oder die Schaufel macht Bekanntschaft mit den Kinderköpfen. Meine Reaktion ist dann häufig, dass ich herbeieile, vor meinen Kindern in die Hocke gehe und mit fester Stimme frage: „Wer hatte die Schaufel zuerst?“ Wenn das dann geklärt ist, weiß ich also, wer sie wem zurückgeben muss. Mein Sohn findet das in diesem Fall mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gut. Aber da das ja nur fair ist, fordere ich ihn auf, seiner Schwester die Schaufel zurückzugeben, denn: Sie hatte die nun einmal zuerst!

Das Problem mit dieser Frage

Es gibt wohl kaum jemanden, der häufiger mit Kleinkindern zu tun hat und die Frage „Wer hatte x zuerst?“ nicht kennt. Ich habe sie selbst unzählige Male zur Lösung von Streitereien benutzt. Doch meiner Meinung nach gibt es mit dieser Frage ein Problem: Wenn ich jedes Mal den Fokus darauf lege, wer das Spielzeug zuerst in der Hand hatte, vermittle ich meinen Kindern damit letztlich, dass man im Leben schneller sein muss als die anderen.

Derjenige, der sich als Erster den tollen Bagger schnappt, ist dann eben der, der ihn im Falle eines Streits auch behalten darf: Er war schnell, er hatte ihn zuerst, er bekommt ihn.

Möglicherweise führt das irgendwann dahin, dass meine Tochter nicht mehr entspannt ihre Freundin besucht, sondern sich sofort auf die begehrtesten Spielzeuge stürzt, ohne auch nur „Hallo“ zu sagen. Schließlich darf sie im Streitfall alles behalten, was sie als Erste in der Hand hatte.

Diese Schilderung ist natürlich übertrieben. Die Frage „Wer hatte das Spielzeug zuerst?“ hat sicherlich gelegentlich ihre Berechtigung und kann bei der Streitschlichtung helfen. Ich denke allerdings, dass diese Art der Konfliktlösung wenig dazu beiträgt, unsere Kinder zu verantwortungsvollen Mitgliedern unserer Gesellschaft zu erziehen. „Aber heutzutage ist es doch notwendig, sich zu behaupten! Man muss für das eigene Recht kämpfen!“ Ja, wirklich? Ab und an mag dies angebracht und richtig sein. Wir leben zwar in einer Ellenbogengesellschaft, aber ich für meinen Teil möchte dennoch nicht, dass meine Kinder ihr Recht mit allen Mitteln durchsetzen, auch wenn der beste Freund schon längst weint.

Gibt es eine Alternative?

Ich wünsche mir stattdessen, dass meine Kinder einen Blick für den anderen bekommen. Für den Freund, der seit fünf Minuten an der Schaukel wartet und so gerne auch mal dran wäre. Für das kleine Mädchen, das selbst kein Laufrad hat und gerne mal eine Runde mit dem meiner Tochter drehen würde.

Aber beim Praxistest auf dem Spielplatz finden meine Kinder meine Vorstellungen oft tatsächlich nicht so toll.Teilen ist schwer und meistens auch einfach doof:

„Aber ich möchte weiterschaukeln!“

„Das ist mein Laufrad! Ich fahre gerade.“

Meine Reaktionen hierauf sind leider oft nicht sehr barmherzig. Stattdessen bin ich manchmal genervt. Oft ist es mir unangenehm, dass meine Kinder losschreien, weil sie auch nach zehn Minuten noch nicht freiwillig von der Schaukel absteigen wollen.

Bin ich nicht genauso wie meine Kinder?

Wenn ich jedoch genauer darüber nachdenke, geht es mir doch oft nicht anders und das Teilen fällt auch mir schwer: Ich mag meinen ruhigen Abend eigentlich nicht mit einem wachen, quengeligen Kind teilen. Das ist doch meine freie Zeit! Oder ich möchte meine Wohnung ungern mit einer niedergeschlagenen Freundin teilen, denn heute habe ich so viel auf meiner To-Do-Liste und außerdem habe ich noch nicht aufgeräumt.
Letztlich sitzen meine Kinder und ich also im gleichen Boot: Wir teilen ungern.

Diese Erkenntnis nun macht es mir möglich, meinen Kindern mit Erbarmen und Verständnis zu begegnen:

„Ich weiß, dass du gerne weiterschaukeln möchtest. Vielleicht gebe ich dir noch zehn Mal Anschwung und dann lässt du Paul schaukeln, okay?“

„Schau mal, das kleine Mädchen da möchte so gerne dein Laufrad ausprobieren. Würdest du es ihr nach zwei Runden mal ausleihen?“

Und wenn das Teilen gut klappt?

Es mag Situationen geben, in denen meine Kinder das Spielzeug freiwillig abgeben. In denen sie scheinbar zum Wohle des Spielkameraden auf ihr „Recht“ an der Schaufel verzichten. Wie reagiere ich dann?

Hier kann es leicht passieren, dass meine Kinder und ich uns innerlich auf die Schulter klopfen und denken: „Wie gut, dass wir das mit dem Teilen so gut hinbekommen. Die anderen müssen da noch einiges lernen.“

Wenn wir so denken, suchen wir unsere Zufriedenheit in etwas anderem als in Gott, nämlich in uns selbst. Wir brauchen Gott eigentlich nicht. Denken wir. Stattdessen nehmen im Grunde an, dass wir gute, vorbildliche Menschen sind und alles gut alleine hinbekommen. Aber tun wir das wirklich? Immer? Ich auf jeden Fall nicht.

Die Bibel sagt hierzu:

„Alle sind schuldig geworden und spiegeln nicht mehr die Herrlichkeit wider, die Gott dem Menschen ursprünglich verliehen hatte.“ (Römer 3,23)

Alle sind schuldig: Der, der die Schaufel nicht teilen will und der, der denkt, sein Teilen mache ihn zu etwas Besserem.

Eine gute Nachricht

Aber die gute Nachricht ist, dass es für beide Schaufel-Situationen einen Ausweg gibt: Jesus. Der obige, etwas entmutigend klingende Bibeltext endet glücklicherweise noch nicht, sondern geht weiter:

„Aber was sich keiner verdienen kann, schenkt Gott in seiner Güte: Er nimmt uns an, weil Jesus Christus uns erlöst hat.“ (Römer 3, 24)

Jesus gab am Kreuz alle seine Rechte auf. Er nahm uns dort unsere Ungerechtigkeit und tauscht sie aus gegen seine Gerechtigkeit. Jesus ist so anders als wir: Er teilt gerne!

Wenn ich mir bewusst bin, wie freigiebig Jesus ist, dann verändert dieses Wissen nach und nach auch mich selbst. Ich möchte den Blick meiner Kinder also auf Jesus lenken und ihnen zeigen, wie wunderbar er ist.

Das ist es, was meine Kinder vor allem anderen lernen sollenOb sie die Schaufel nun teilen wollen oder nicht.

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