Wenn der Tag mehr Stunden hätte…

Die Erde braucht ziemlich genau 24 Stunden, um sich einmal um sich selbst zu drehen. An manchen Tage wünsche ich mir, sie bräuchte länger. Nur ein paar Stunden. Denn wenn der Tag länger wäre, könnte ich regelmäßig mehr von meiner To-do-Liste abarbeiten. Ich hätte zusätzliche Zeit für Dinge, die aktuell zu kurz kommen. Aber stimmt das tatsächlich? Wenn ich genauer darüber nachdenke, bin ich mir plötzlich nicht mehr so sicher.

Würde ich wirklich mehr schaffen, wenn der Tag mehr Stunden hätte? Könnte ich alles erledigen, was ich mir vorgenommen habe? Oder würde ich bloß weitere Dinge auf meine Agenda setzen, nur um am Ende erneut festzustellen, dass die zusätzlichen Stunden immer noch nicht ausreichen?

Meine To-do-Liste endet nie

Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher: Der Tag kann noch so lang sein, meine To-do-Liste wäre trotzdem länger! Aber woran liegt das? Warum habe ich oft das Gefühl, nicht alles Nötige zu schaffen?

Ich glaube, dass ich mir schlichtweg zu viel vornehme. Kaum ist eine Sache erledigt, habe ich schon Ideen für ein nächstes Projekt. Es fällt mir schwer, mich ganz einfach mal über das Erledigte zu freuen. Stattdessen sehe ich häufig eher das, was ich nicht geschafft habe und noch abarbeiten möchte. Aber letztlich wird es doch immer etwas geben, was ich nicht erledigen konnte.

Was wäre also, wenn ich die Frage „Was habe ich heute nicht geschafft?“ ersetzen würde durch „Habe ich meine Zeit heute gut genutzt?“? Dann geht es  weniger um die Anzahl der noch zu erledigenden Aufgaben. Stattdessen wird es wichtig, wie ich meine To-dos abgearbeitet oder wofür ich meine Zeit eingesetzt habe. Es geht also stärker um die Qualität meiner Zeit.

Diese Sichtweise macht mich entspannter und zugleich flexibler in meinem Alltag. So kann ich zum Beispiel gelassen und freudig auf einen spontanen Besuch reagieren, anstatt an all jene Sachen zu denken, die ich aufgrund dessen nun nicht erledigen kann. Ich habe zwar nicht alles geschafft, was ich eigentlich wollte, darf aber erkennen, dass ich meine Zeit dennoch sinnvoll eingesetzt habe.

Möglicherweise fühlt sich nun aber wiederum jemand unter Druck gesetzt: Das Vorhaben, seine Zeit möglichst gut zu nutzen, kann uns ebenso stressen wie das Abarbeiten von ellenlangen To-do-Listen. Zu einem sinnvollen Umgang mit der verfügbaren Zeit gehört daher sicherlich auch das Einbauen von Pausen. Genau das fällt mir oft schwer. Ich bin nicht gut darin, mich in Ruhe hinzusetzen und mein oft schnelles Leben bewusst zu entschleunigen. Ich möchte meine Zeit möglichst effektiv nutzen, vergesse dabei jedoch häufig, dass dies wiederum ein regelmäßiges „Aufladen meiner Akkus“ erfordert.

Ein Vorbild in Sachen Arbeiten und Ruhen

Aber in der Bibel lese ich, dass Gott selbst es so gemacht hat: Er arbeitete sechs Tage lang, indem er die Welt erschuf, aber am siebten Tag ruhte er (vgl. 1. Mose 2, 1-3). Da er Gott ist, hatte er diesen Tag der Ruhe nicht nötig. Er war nicht erschöpft, sodass er sich ausruhen musste. Gottes Akkus sind nie leer.  Er ist anders als wir Menschen. Aber Gott hat am siebten Tag trotzdem geruht und gibt uns damit ein Beispiel, wie wir es machen dürfen und zu unserem Besten tun sollten.

Wie kann das praktisch aussehen?

Einige meiner Freunde sind Angestellte im Schichtdienst. Ihnen ist es nur selten möglich, sechs Tage am Stück zu arbeiten und dann am siebten Tag frei zu haben. Ist die oben genannte Idee für sie also nicht anwendbar? Ich denke schon, denn meiner Meinung nach geht es hier um das Prinzip: Darum, dass sich innerhalb einer Woche möglichst ein Ruhetag befinden sollte. So ist es sicher nicht gesund, wenn jemand sechs Monate am Stück durcharbeitet und dann einen Monat lang Urlaub macht. Das ergibt zwar prozentual den gleichen Anteil an Ruhezeit, dürfte aber die menschlichen Kräfte übersteigen. Möglichst einen Tag pro Woche bewusst zum Ausruhen und zum Zur-Ruhe-kommen zu nutzen, erscheint mir also sinnvoll.

Wenngleich ich immer mal wieder Probleme mit dem Einbauen von Ruhepausen in meinen Alltag habe, durfte ich doch schon viele positive Erfahrungen damit machen. Insbesondere während meines Referendariats gab es eigentlich ständig was zu tun. Wenn ich nicht gerade meinen laufenden Unterricht vorbereitete, plante ich meine beiden Lehrproben, schrieb an meiner Examensarbeit oder korrigierte Mathearbeiten. Ich hatte quasi nie das Gefühl, mit der Arbeit fertig zu sein, auch nicht am Wochenende. Aber umso wichtiger und geradezu überlebenswichtig war für mich ein arbeitsfreier Tag pro Woche. Schon viele Jahre zuvor hatte ich mir angewöhnt, den Sonntag zu meinem „Ruhetag“ zu machen.

In meinem Referendariat empfand ich es nun als besonders herausfordernd, diese wöchentliche Pause tatsächlich umzusetzen. Nicht selten habe ich sonntagabends mit der Frage gekämpft, ob ich dieses Mal eine Ausnahme machen sollte: „Die kommende Woche wird wieder so voll, da hilft es doch nur, wenn ich heute schon ein bisschen was abarbeite.“ An einigen Sonntagabenden habe ich mich tatsächlich nochmal an den Schreibtisch gesetzt. Aber wenn ich ehrlich bin, zeigt das doch eigentlich nur, dass ich meinem Gott nicht ganz vertraue. Ich glaube nicht wirklich, dass er mich mit allem Nötigen versorgen wird, auch wenn ich die Arbeit mal liegen lasse. Ich setze meine Hoffnung dann in meine eigene, verschwindend geringe Kraft, anstatt in seine, die so viel größer ist. Aber ich kann wirklich sagen, dass mein Gott mich nie enttäuscht hat, wenn ich mein Vertrauen ganz auf ihn gesetzt habe.

Für mich waren daher besonders all jene Sonntage erholsam, an denen ich bewusst Pause gemacht habe von all meinen Verpflichtungen. Ich habe einfach mal die Arbeit liegen gelassen und stattdessen Dinge unternommen, die mir Freude bereiten. Hierzu gehört für mich z. B. Zeit mit meiner Familie oder Freunden zu verbringen, einen Ausflug zu machen, mich mit einem Buch und einer Tasse Tee auf das Sofa zu setzen oder einen guten Film anzuschauen. All diese Dinge helfen mir, von meiner regulären Arbeit zu ruhen und mal abzuschalten.

Gleichzeitig habe ich aber auch erlebt, dass ich mich hinterher trotzdem oft leer fühle. Wenngleich mir all die aufgezählten Dinge Freude machen, beruhigen sie doch nicht mein rastloses Herz. Auch wenn ich körperlich entspanne, ist mein Inneres später oft genauso ruhelos wie zuvor.

Gibt es denn echte Ruhe?

Gott aber bietet uns an, bei ihm zur Ruhe zu kommen. Die Ruhe, die er schenken möchte, unterscheidet sich fundamental von allem, was diese Welt geben kann. Gott bringt rastlose Herzen zur Ruhe. Ich muss mich nicht länger abmühen und unter all meinen Aufgaben fast zerbrechen. Ich brauche nicht länger versuchen, alles aus eigener Kraft zu schaffen. Meine Suche nach echter Ruhe darf ein für alle Mal enden. Jesus sagt: „Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben.“ (Matthäus 11, 28) Ein bekannter Geistlicher namens Augustinus hat den hierzu passenden Satz formuliert: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir [Gott].“

Aber wie kann man denn „bei Gott Ruhe finden“? Das klingt doch ziemlich abstrakt. Möglich wäre, dass ich mich an meinem Ruhetag ganz praktisch auf die Suche nach Gott mache. Wenn ich ihn gefunden habe, folgt die Ruhe automatisch. So könnte ich dafür zum Beispiel eine Bibel aufschlagen und anfangen, in ihr zu lesen. Als Einstieg sind die vier Evangelien sehr gut geeignet (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes). Ich kann mir Zeit für ein Gebet nehmen oder erstmalig darüber nachdenken, ob am Beten etwas dran sein könnte. Im Text Gedanken zum Beten habe ich einige Impulse hierzu niedergeschrieben. Oder ich kann einen Gottesdienst besuchen, eine Predigt hören oder mit anderen Menschen über Gott ins Gespräch kommen.

Jeder Tag hat nur 24 Stunden und auch mein Leben auf dieser Erde ist zeitlich begrenzt. Aufgrund dessen möchte ich diese Zeit sinnvoll nutzen. Hierzu gehört neben dem Ausführen von sinnvollen Aufgaben auch das Einlegen von Pausen in meinem oft rastlosen Alltag. Und vor allem anderen möchte ich den Einen immer mehr suchen und finden, der echte Ruhe anbietet. Gott ist der Einzige, bei dem mein rastloses Herz wirklich ruhig wird. Die gute Nachricht ist, dass er sich vom ehrlich Suchenden gerne finden lässt: „Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden. Ja, wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt.“ (Jeremia 29,13)

To-do

Ich freue mich immer über Kommentare. So interessiert mich zum Beispiel sehr, wie es euch mit diesem Thema ergeht. Lasst gerne ein paar Zeilen da.

4 Antworten auf „Wenn der Tag mehr Stunden hätte…“

  1. Das sind wirklich sehr wertvolle Gedanken, DANKE! Die lassen mich doch gleich viel gelassener in mein wirklich volles Wochenende starten. Denn wichtig finde ich nicht nur, von Dingen zu ruhen, sondern besonders auch in den Dingen die ich tue zu Ruhen. Das werde ich gleich morgen mal wieder neu bewusst leben =)

    1. Liebe Sarah,
      danke für deinen Kommentar und deine Gedanken zu diesem Text! Ja, ich denke auch, dass es einen großen Unterschied macht, mit welcher Einstellung wir die Dinge unseres Lebens angehen. Wenn ich dich richtig verstehe, dann meinst du das mit „in den Dingen ruhen“, oder? Also ob ich mit ganzem Herzen dabei bin und ob ich meinen Verpflichtungen ganz bewusst und mit Überzeugung nachgehen?! Das finde ich auf jeden Fall auch sehr wichtig und eine gute Ergänzung. Danke! 🙂
      Viel Freude an deinem vollen Wochenende!

  2. Ich freue mich, deinen Blog entdeckt zu haben! Es war echt schön, diesen Beitrag zu lesen und es geht mir ganz häufig ähnlich: nur das Abarbeiten von Sachen zu sehen und den Sonntag lieber auch nutzen zu wollen, um weiterabzuarbeiten… Ich fand den Gedanken sehr gut, dass es dabei viel um Vertrauen geht. Vertrauen wir darauf, dass Gott alles regeln wird, auch wenn wir mal nicht bis zum Sonntag (oder einem anderen Ruhetag) alles geschafft haben, was wir uns vorgenommen haben? Das muss ich persönlich noch sehr üben! Dein Beitrag hat mich noch einmal sehr dazu ermutigt 🙂

    1. Hallo Constanze,
      vielen lieben Dank für deinen netten Kommentar! 🙂 Ich freue mich, dass der Text dich angesprochen hat und finde es schön zu lesen, dass es anderen ähnlich geht wie mir. Vielen Dank also für deine Nachricht! 🙂
      Liebe Grüße, Natalie

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