Komm jetzt, sonst geh ich!

Warum ich diesen Satz nicht benutzen möchte

Wenn ein Kind laufen lernt, ist das ein Meilenstein seiner Entwicklung. Aber es ergeben sich auch Herausforderungen: Kleinkinder bewegen sich nicht immer in die Richtung, die wir Eltern uns wünschen und manchmal bewegen sie sich auch gar nicht. Da kann es schon mal vorkommen, dass Mama aus einiger Entfernung ruft: „Komm jetzt, sonst geh ich!“ Hiermit soll das Kind zum Weitergehen bewegt werden. Aber warum funktioniert diese „Taktik“ und möchte ich sie tatsächlich immer noch einsetzen, wenn ich dies weiß?

Was ist das Ziel?

Wenn ich rufe „Komm jetzt, sonst geh ich“, möchte ich mein Kind zum Mitkommen bewegen. Es soll weder in eine andere Richtung laufen, noch stehen bleiben oder auf dem Boden liegen. Ich möchte einfach, dass es kommt.

Was ist das Druckmittel?

Aber wie versuche ich, dieses Ziel zu erreichen? Ich drohe damit, dass ich das Kind verlasse, wenn es nicht kommt. Mein Weggehen ist das Druckmittel und zugleich die Strafe, die das Kind zu erwarten hat, wenn es mir nicht folgt. Wahrscheinlich ist niemand von uns je wirklich gegangen und das ist gut so! Aber möglicherweise habe ich mich als zusätzliche Unterstreichung meiner Drohung weiter von meinem Kind entfernt, woraufhin es sich dann doch aufgerappelt hat. Der Satz „Komm jetzt, sonst geh ich!“ zeigt also vermutlich in den meisten Fällen Wirkung. Mein Kind wird mir mit hoher Wahrscheinlichkeit hinterherlaufen und ich habe mein Ziel erreicht. Aber zu welchem Preis?

Warum „funktioniert“ diese Drohung?

Ob ein Kind sich leicht von seinen Eltern trennt oder nicht, ist sicher individuell verschieden. Dennoch bin ich der Meinung, dass „Komm jetzt, sonst geh ich!“ dazu beitragen kann, Trennungsangst aufzubauen oder zumindest zu verstärken. Wird einem Kind wiederholt angedroht, dass Mama oder Papa gehen, wird dieses Weggehen mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Angst des Kindes werden. Auch, wenn es diese bisher vielleicht gar nicht hatte.

Außerdem halte ich es für möglich, dass das Kind eine Trennung von den Eltern auch in anderen Situationen als Strafe wahrnehmen könnte. Vielleicht darf es einen schönen Nachmittag bei den Großeltern verbringen. Beim Verabschieden denkt es aber möglicherweise, dass es etwas falsch gemacht hat, da Mama und Papa nun gehen. Dass ihr Gehen überhaupt nichts mit einem unerwünschten Verhalten des Kindes zu tun hat, kann dieses vermutlich kaum erkennen: „Sie gehen jetzt weg. Ich habe wohl etwas falsch gemacht.“ Vielleicht läuft es seinen Eltern auch nach der Verabschiedung verzweifelt hinterher, weil es denkt, es muss ihnen nur folgen, um sie am Weggehen zu hindern. Ich kann mir daher vorstellen, dass die Situation das Kind verwirrt und ihm Angst macht.

Möchte ich das alles wirklich?

Wenn ich also so darüber nachdenke, möchte ich den Satz „Komm jetzt, sonst geh ich!“ nicht einsetzen, bloß um mein Kind zum Mitkommen zu bewegen. Er führt zwar mit großer Wahrscheinlichkeit zum gewünschten „Erfolg“, hat aber einen zu hohen Preis: Mein Kind folgt mir zwar äußerlich, ist innerlich aber höchstwahrscheinlich geängstigt und tief verunsichert.

Ich bin nie verlassen!

Manchmal klage ich darüber, dass meine Kinder mir nicht immer sofort folgen, wenn ich rufe: „Bitte kommt jetzt!“ Aber wenn ich nochmals weiterdenke, erkenne ich etwas ganz Wichtiges: Meine Kinder und ich sind uns in dieser Hinsicht sehr ähnlich: Wir folgen ungern.
Wie meine ich das? Jesus fordert mich ganz persönlich auf, ihm kompromisslos zu folgen: „Folge mir nach!“ (z. B. Matthäus 16,24) Aber wenn ich ehrlich bin, tue ich das so oft leider nicht.

Doch trotz meines häufigen Nicht-Folgens verlässt Gott mich nie. Diese Tatsache ist erstaunlich und befreiend, aber sie hatte einen sehr hohen Preis: Gott der Vater hat seinen geliebten Sohn Jesus verlassen, als dieser am Kreuz hing (vgl. Matthäus 27,46). Jesus nahm dort all mein Versagen, mein Nicht-Folgen, meine „Sünde“ auf sich. Er ist dem Vater im Gegensatz zu mir immer und in allem gefolgt. Er hat den richtigen Weg nie verlassen. Deshalb hatte der Vater auch eigentlich keinen Grund, ihn zu verlassen. Aber Jesus war deshalb zugleich auch der Einzige, der an meiner Stelle sterben und mich dadurch freikaufen konnte. Er tat dies alles aus Liebe. Jesus wurde vom Vater verlassen, damit ich nie verlassen bin!

Für diejenigen, die ihn von ganzem Herzen lieben, gilt deshalb Gottes Versprechen: „[…] Ich lasse dich nicht im Stich, nie wende ich mich von dir ab.“ (Josua 1,5) So oft weiche ich von dem guten Weg ab, den ich eigentlich gehen sollte. Doch Gott lässt mich als sein Kind niemals im Stich. Ich mag mich entfernen, aber er wartet mit offenen Armen auf mich. Diese Liebe motiviert mich, auch meine Kinder nicht zu verlassen, wenn sie mir nicht direkt folgen. Und ich möchte sie nicht mit dem Satz „Komm jetzt, sonst geh ich!“ verunsichern, nur um schnelle Resultate zu erzielen.

Praktische Ideen aus meinem Alltag

Wenn meine Kinder nicht mitkommen wollen, hilft mir oftmals Folgendes:

  • Wenn sie tatsächlich zu müde sind, um zu laufen, trage ich sie oder setze sie in den Kinderwagen.
  • Falls etwas Spannendes am Wegesrand ihre Aufmerksamkeit fordert, gewähre ich ihnen oft einfach noch ein wenig Zeit. Zumindest sofern wir diese haben.
  • Wenn meine Kinder jedoch ganz einfach keine Lust haben mitzukommen, versuche ich ihnen ruhig zu erklären, warum sie mir jetzt folgen sollen. Manchmal kommen sie dann mit und ich freue mich. Manchmal erfinde ich aber auch kleine Spielchen wie z. B. „Wo ist die nächste Pfütze, in die wir springen können?“ und dann freuen wir uns über spritzendes Wasser…

6 Replies to “Komm jetzt, sonst geh ich!”

  1. Danke die für diesen Beitrag! Ich habe leider einmal den Fehler gemacht und das zu meiner Tochter gesagt. Ziemlich schnell habe ich gemerkt wie wahnsinnig das meine Große verletzt hat und es tat mir wahnsinnig leid. Sie hatte zwar so viel Urvertrauen dass sie sagte, sie wüsste eh dass wir sie niemals alleine lassen würden, aber eine inner Angst kann ich dadurch trotzdem ausgelöst haben. Ich habe selbst aus meiner Kindheit eine Siuation im Kopf, sowas bleibt hängen. Danke für den Beitrag und das darauf aufmerksam machen. Ablenkung hilft bei uns auch am allerbesten 🙂
    Liebe Grüße,

    Katharina

    1. Danke für dein Feedback, Katharina! Wie schön, dass deine Große so sicher wusste, dass du sie dennoch nie verlassen wirst und wie gut, dass dir direkt aufgefallen ist, was dieser Satz in ihr ausgelöst hat. Das ist nicht selbstverständlich! 🙂 Ich finde es aber so gut zu wissen, dass wir trotz all unserer Fehler in unserer Erziehung einen großen, guten Gott haben! Mich tröstet total das Wissen, dass ich mich mit all meinem Versagen an IHN wenden kann und dass ich ihm vertrauen darf, dass er sich um meine Kinder sorgt. Anders als ich versagt er darin nie 🙂 Ganz liebe Grüße!

  2. Ich wollte diese Drohung auch nicht sagen, damals, als meine Kinder klein waren. Ich habe mir zwar nicht so viele Gedanken wie du gemacht, warum ich das nicht sagen wollte, aber ich wusste, dass es falsch gewesen wäre. Ich mochte noch nie Sätze, die man nicht einhalten ( kann) und es in dem obigen Fall ja auch nicht wirklich will. Genauso wie ich damals meine Kinder nicht fragen wollte, ob sie z.B. bei den Großeltern bleiben wollten, wenn das gar nicht gehen würde..das würde ich jetzt auch nicht nur so aus Spass anbieten..:-)

    1. Hallo liebe Karin 🙂 Ja, du sprichst da einen wichtigen Punkt an: Letztlich möchten wir doch, dass unsere Kinder uns beim Wort nehmen können und wissen, woran sie bei uns sind. Hierzu ist es sicher nicht hilfreich, wie du schreibst, Dinge zu sagen, die wir eigentlich gar nicht so meinen. Danke für deinen Kommentar!

  3. Liebe Natalie, ich finde es ganz bemerkenswert wie du Dinge auf den Punkt bringst und die Brücke zu der persönlichen Gottesbeziehung und unserer eigenen Verantwortung schlägst. Du bist da sehr talentiert! Vielen Dank für deine Gedanken und Anregungen. Das Prinzip mit den leeren Drohungen kann ja auch auf andere zwischenmenschliche Beziehungen und wie wir es nicht machen sollten übertragen werden.
    Liebe Grüße aus Hannover 😊

    1. Hallo Elli,
      wie lieb, dass du das schreibst! Das macht mir Mut und ich freue mich sehr, dass ich scheinbar mit meinem Schreiben ebenfalls andere Menschen ermutigen kann. 🙂
      Auch schön finde ich, dass aus diesem scheinbaren „Elterntext“ etwas für „andere zwischenmenschliche Beziehungen“ abzuleiten ist, wie du schreibst. Also Merci für dein freundliches Feedback! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.