Erstaunliche Erfahrungen beim Lesen

Blogreihe #bewusstimhierundjetzt

In meinem letzten Blogpost Einladung zu einem Experiment habe ich davon berichtet, dass ich selten bloß zum Vergnügen lese. Und dass ich im Rahmen der Blogreihe #bewusstimhierundjetzt ein Experiment machen möchte: Was passiert, wenn ich eine Woche lang einfach nur so ein Buch lese? Ohne damit eine direkte Absicht zu verfolgen. Ohne das Ziel, hinterher mehr über ein Thema zu wissen. Meine Lesewoche ist nun vorbei. Welche erstaunlichen Erlebnisse habe ich dabei gemacht und zu welchem Fazit komme ich?

Welches Buch lese ich?

Da mein Lesen möglichst zweckfrei sein sollte, suchte ich mir einen Roman aus. Bei dieser Textsorte schien mir die Versuchung, durch das Lesen etwas lernen zu wollen, geringer als beispielsweise bei einem Sachtext. Ich hatte also keine großen Erwartungen, durch das Lesen etwas zu „produzieren“. Stattdessen wollte ich mich in eine spannende Geschichte hineinnehmen lassen. Ich wählte den Sammelband „Saat des Segens“ von der US-amerikanischen Autorin Francine Rivers, deren Bücher ich früher schon immer gerne gelesen habe. Jeder der fünf Romane behandelt eine Frau aus der Bibel (beispielsweise die Prostituierte Rahab). Die biblischen Erzählungen bilden jeweils die Grundlage für die Handlungen und werden von der Autorin inhaltlich anschaulich und passend zum biblischen Bericht ausgeschmückt.

Ablenkungen vermeiden

Mir fiel es leichter, mich ganz auf das Buch einzulassen, wenn ich möglichst wenig von äußeren Faktoren abgelenkt wurde. Einmal saß ich lesend im Wartezimmer eines Arztes und musste demnach erwarten, im nächsten Moment mein Lesen zu unterbrechen. Ein nächstes Mal las ich, während mein Sohn mittags schlief und rechnete auch hier ständig mit seinem Aufwachen. In beiden Fällen hatte ich Probleme, ganz in die Handlung einzusteigen, weil ich ein Unterbrochenwerden erwartete. Ein anderes Mal las ich abends als ich bereits sehr müde war. Hierdurch fehlte mir ebenfalls die nötige Konzentration, um ganz in die Geschichte einzutauchen. War ich jedoch ausgeschlafen und rechnete mit keinerlei Unterbrechungen, konnte ich mich meist gut auf das Buch einlassen. Ich hatte dann immer viel Freude beim Lesen.

Lesen entschleunigt mich

Entgegen meiner Erwartung hatte ich nicht das Gefühl, mit dem „zweckfreien“ Lesen meine Zeit verschwendet zu haben. Im Gegenteil: Ich fühlte mich entschleunigt und kam zur Ruhe. Je weniger ich mit Unterbrechungen und äußeren Ablenkungen rechnete, desto mehr entspannte mich das Lesen.

Gott begegnen

Besonders erstaunlich war für mich jedoch die Tatsache, dass ich beim Lesen der Romane tatsächlich mehrfach Gott begegnet bin. Dies lag meiner Meinung nach unter anderem daran, dass ich mich an vielen Stellen mit den Protagonisten identifizieren konnte. Oder ich fand ihr Verhalten vorbildlich und wünschte mir, ähnlich handeln zu können. Gab es inhaltliche Anknüpfungspunkte zwischen den Figuren im Buch und mir selbst, hat mich dies ermutigt, mit Gott zu sprechen und zu beten.

Ein Beispiel

Im Roman „Rahab“ des Sammelbandes kommen zwei Kundschafter des Volkes Israel in die Stadt Jericho, um sie auszuspionieren. Doch da ihr Kommen bemerkt wurde, ist ihr Leben in Gefahr. Überraschenderweise erhalten sie Unterstützung von einer Prostituierten aus Jericho, die sie bei sich versteckt. Diese Frau namens Rahab gehört nicht zum Volk Israel und kennt dessen Gott eigentlich nicht. Dennoch hat sie mitbekommen, dass er mächtig ist. Er scheint somit anders zu sein als die Götter, an die ihre Nachbarn in Jericho glauben. Rahab möchte diesen Gott der Israeliten kennenlernen. Daher bittet sie die beiden Kundschafter, sie und ihre Familie bei der kommenden Eroberung Jerichos zu verschonen. Anschließend verhilft sie den Spionen zur Flucht.

Nachdem die Kundschafter verschwunden sind, berichtet Rahab ihren Angehörigen von ihrem Erlebnis. Davon, dass sie sich dem Gott der Israeliten anschließen möchte. Im Roman sprachen mich folgende Worte persönlich an:

„Ihren Gott kenne ich nur vom Hörensagen. Aber ich glaube das, was ich gehört habe. […] Ich kann es nicht erklären, aber ich weiß, dass dies Gott ist – der einzige Gott. Und ich habe beschlossen, meinen Glauben und meine Hoffnung auf ihn zu setzen. […] Ihr müsst selbst entscheiden, ob ihr das Leben oder den Tod wählen wollt.“ (Francine Rivers, Saat des Segens, 2017, Gerth Medien S. 163) 

Diese Worte trafen mich deshalb so sehr, weil es mir eines Tages ebenso ging. Auch ich kannte den Gott der Bibel nur vom Hörensagen. Ich hatte Geschichten über ihn gehört und gelesen. Menschen haben mir von ihm erzählt. Aber ich kannte ihn nicht persönlich. Doch irgendwann merkte ich, dass ich glaubte, was ich gehört hatte. Auch ich entschied mich ähnlich wie Rahab, meine Hoffnung auf ihn zu setzen. Mich auf die Suche nach ihm zu machen. Nach ihm ganz persönlich. Ich wollte mich nicht länger damit begnügen, ihn nur vom Hörensagen zu kennen. Stattdessen wollte ihn selbst kennenlernen.

Als mir beim Lesen bewusst wurde, dass er sich mir persönlich zu erkennen gegeben hatte, wurde ich neu mit Dankbarkeit hierüber erfüllt. Ich fing an zu beten und dankte meinem Gott, dass ich ihn finden durfte, weil er sich finden lässt (vgl. Jeremia 29,13-14). Ich dankte ihm dafür, dass ich ihn nun immer besser kennenlernen darf. Ganz persönlich. Er ist kein ferner Gott, sondern an uns Menschen interessiert. Auch an den Rahabs von heute. Die Originalgeschichte kann übrigens in der Bibel im Buch Josua ab Kapitel 2 nachgelesen werden.

Dies alles und noch einige weitere Gründe zur Dankbarkeit wurden mir beim Lesen neu bewusst und brachten mich ins Gespräch mit Gott. Aber auch falsches Verhalten einzelner Figuren bewegte mich zum Beten, beispielsweise weil ich merkte, dass auch ich in ähnlicher Weise versagt habe und Gott um Vergebung hierfür bat.

Mein abschließendes Fazit

  • Möglichst störungsfreies Lesen hilft mir, in die Handlung einzutauchen und mich zu entspannen. Ich muss mir diese Freiräume bewusst schaffen. Doch da es diese Momente nicht immer geben kann, ist ein unterbrochenes Lesen immerhin besser als wenn ich es gar nicht erst versuche. Ich möchte die Gelegenheiten nutzen, die sich mir bieten, anstatt erfolglos auf den perfekten Moment zu warten.
  • Die Auswahl des Buches ist entscheidend dafür, wie entspannend mein Lesen für mich wird. Wähle ich ein Buch, von dem ich einen Wissenszuwachs erwarte, ist mein Lesen zweckgebunden und somit weniger entspannt. Lese ich hingegen einfach so ein Buch, ist die Wahrscheinlichkeit größer, in meinem Alltag innezuhalten und zur Ruhe zu kommen.
  • Dachte ich bisher, das zweckfreie Lesen sei eher Zeitverschwendung, wurde ich in dieser Woche eines Besseren belehrt: Das Lesen des Romans hat mich überraschend oft ins Gespräch mit Gott gebracht. Dies lag insbesondere an inhaltlichen Parallelen zu meinen eigenen Erfahrungen.
  • Mein Lesen im Rahmen der Blogreihe #bewusstimhierundjetzt sollte dem Selbstzweck dienen und somit möglichst zweckfrei sein. Wenn ich ehrlich bin, war es das jedoch nicht, denn ich wollte ja anschließend hier von meinen Erfahrungen berichten. Der Zweck war also neben dem Lesen zum Selbstzweck das Erproben und Reflektieren desselben. Mein Lesen in dieser Woche war also folglich irgendwie inszeniert, aber ich habe dennoch eine Ahnung davon bekommen, wie Lesen um des Lesens willen aussehen kann. Und es hat mir Lust auf mehr gemacht, sodass ich künftig häufiger einfach so lesen werde. Da bin ich sicher! Und hoffentlich werde ich dabei wieder Gott begegnen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn meine Erfahrungen den einen oder anderen ermutigen.

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