Ein besonderes Jahr: 12 Monate Leipzig

Gestern vor genau einem Jahr luden wir all unsere Habseligkeiten in einen kleinen LKW und einen Transporter. Möbel und Spielsachen. Kuscheltiere, Fahrräder und vieles mehr. Zurück blieb eine leere Wohnung, in der Jonathan und ich insgesamt fünf schöne Jahre verbracht haben. Dreieinhalb davon als Familie mit zunächst einem und dann zwei Kindern. Zuletzt war diese Dreizimmerwohnung für uns vier zu eng geworden. Was nicht in den LKW passte waren all unsere schönen Erinnerungen. Die nahmen wir mit in unseren Herzen. Mit nach Leipzig. In diese neue, unbekannte Stadt, die von nun an unser Zuhause sein sollte. In der wir gemeinsam mit einem Team eine Kirche gründen wollten. Wir waren voll Vorfreude auf das, was uns erwarten würde und zugleich spürten wir auch eine Schwere. Wir lassen manches zurück. Unsere Familien, viele Freunde und Bekannte. Unsere gut funktionierende Kirche. Den schönen Kindergarten unserer Großen. Was würde die Zukunft bringen? Heute vor genau einem Jahr luden wir all unsere Habseligkeiten in unserem neuen Zuhause wieder aus. Wagten einen Neustart und vertrauten darauf, dass alles gut werden würde. Dass Gott für uns sorgen würde. Heute sind seitdem genau zwölf Monate vergangen und wenngleich bei weitem nicht alles perfekt ist, haben wir mehr als genug Gründe zur Dankbarkeit.

Leipzig ist wunderschön

Für Hamburger ist es oft nicht leicht, wegzuziehen, denn sie denken, Hamburg sei die schönste Stadt der Welt. Wir haben jedoch festgestellt, dass Leipzig ebenfalls wunderschön ist. Wir lieben das viele Grün: die unzähligen Parks an jeder Ecke und natürlich den Auwald. Dieser, mein persönlicher Ruheort, ist so groß, dass ich mich darin verfahren habe. Im Frühling wächst dort so viel Bärlauch, dass die ganze Stadt nach ihm riecht und es gibt wohl kaum eine Familie, die in der Zeit keine Bärlauchbutter auf ihre Brote schmiert.

Da Leipzig eine überschaubare Größe hat, können wir fast alle Strecken mit dem Fahrrad zurücklegen. Wenn wir ins direkte Stadtzentrum radeln, brauchen wir nie länger als 20 Minuten. Die Stadt ist reich an Kultur (Luther und Bach lassen grüßen) und Geschichte, denn Leipzig spielte u.a. eine wichtige Rolle auf dem Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands. Die Menschen hier sind auf ihre ganz eigene Art liebenswürdig, offen und alternativ. Man trifft sie an lauen Sommerabenden eher selten in Bars und Restaurants und häufiger mit einem Picknickkorb auf einer der unzähligen Wiesen oder am Kanal. Wir mögen das!

Unsere Wohnung und Nachbarschaft

Unsere neue Wohnung ist für uns ein großes Geschenk. Hier haben wir ausreichend Platz für uns als Familie und können zudem noch richtig gut Gäste beherbergen. So hatten wir in den vergangenen Monaten häufig (Übernachtungs-)Besuch, haben Beziehungen vertieft und Freundschaften gepflegt. Wir wohnen in einem Karree, d.h., dass wir einen geschlossenen Innenhof haben. Für unsere Kinder ist dieser mit seinem Spielplatz, Wegen und Rasenflächen perfekt. Hier können sie Radfahren und ihre Freunde treffen. Aber auch wir als Eltern genießen es sehr, im Hof unsere Nachbarn zu treffen und gemeinsam mit ihnen zu grillen oder einen Kaffee zu trinken. Im letzten Jahr haben wir hier unzählige nette Menschen kennengelernt. Aus Nachbarn wurden Freunde. Wir haben gemeinsam Geburtstage gefeiert und das Leben miteinander geteilt. Diese Art der Nachbarschaft kannten wir aus Hamburg nicht und wir wollen sie nicht mehr missen.

Unsere Kirchengründung

Vor einem Jahr sind wir als Teil eines Startteams hergekommen und hatten ein gemeinsames Ziel: eine Kirche für die Stadt zu gründen. Das Leipzigprojekt. Ein Jahr später haben wir unglaublich viel gelernt und sind diesem Ziel stetig näher gekommen. Zunächst haben wir viele Leipziger Kirchen besucht und hierdurch verschiedene Möglichkeiten kennengelernt, einen Gottesdienst zu feiern. Als Team haben wir erste Überlegungen angestellt, wie eine Kirche hier im Westen der Stadt aussehen könnte. Es folgte eine Phase, in der wir kleine Gottesdienste in unseren Häusern gefeiert haben.

Parallel hierzu planten wir ein Kunstprojekt, welches wir mittlerweile durchgeführt haben. An verschiedenen Orten im Leipziger Westen fragten wir insgesamt 500 Leipziger nach ihrer Sichtweise auf ihren Stadtteil. Die gemalten und geschriebenen Ergebnisse präsentierten wir schließlich in der Kunstausstellung „Westsicht“. Das Kunstprojekt war für uns ein großer Erfolg, weil wir hierdurch unglaublich viel über unsere Stadt und die Menschen gelernt haben, die hier leben. Wir sind immer noch dabei, die Ergebnisse für uns weiter auszuwerten und hieraus wertvolle Schlüsse für uns als Kirche und unsere öffentlichen Gottesdienste zu ziehen.

Nach einem guten Jahr haben wir als Teammitglieder des Leipzigprojekts das Gefühl, in der Stadt angekommen zu sein. Wir wissen um Probleme und Nöte und haben Ideen, wie wir auch ganz praktisch etwas Gutes in der Stadt bewirken können. Noch in diesem Sommer beginnen wir mit unseren ersten monatlichen Testgottesdiensten und sind gespannt, wie es weitergeht.

Persönliche Entwicklung

Auch als Familie sind wir hier in Leipzig angekommen. Wir sind dankbar für Freunde, unser Team und wachsende Beziehungen. Ebenfalls froh sind wir über Jonathans Job, in dem er von zuhause aus arbeiten kann. Ich bin aktuell noch in Elternzeit, auch, weil wir für unsere Kinder leider immer noch keine Kitaplätze gefunden haben. Obwohl ich es versucht habe, scheinen insbesondere für unsere Große alle Kindergartentüren verschlossen zu bleiben. Unser Fast-Dreijähriger jedoch geht seit Mai zu einer Tagesmutter, was uns alle sehr freut und eine große Hilfe im Alltag ist.

Während unsere Tochter also weiterhin zuhause bleibt, habe ich mich nun einem besonderen Projekt gewidmet. Ich freue mich sehr darüber und hoffe, euch hierzu bald mehr erzählen zu können. Da nebenbei allerdings kaum noch Zeit für andere Dinge bleibt, war es hier in den vergangenen Monaten auf dem Blog sehr still. Aber es wird auch wieder anders werden.

Mehr als genug

Das letzte Jahr war für uns persönlich ein sehr reiches und wertvolles. Obwohl und gerade auch, weil es uns auf unterschiedliche Weisen herausgefordert hat. Insbesondere der Alltag mit zwei Kindern, die die meiste Zeit hier bei mir zuhause waren bzw. sind, ist oft nicht leicht zu bewältigen wenn die Großeltern leider nicht in der Nähe wohnen.

Aber in all den Herausforderungen haben wir insbesondere eine Sache gelernt. Wir haben es bereits zuvor gewusst und in Ansätzen erfahren, aber nicht so stark wie in den letzten zwölf Monaten: Auch wenn wir nicht immer bekommen, was wir wollen, meint Gott es dennoch gut mit uns. Seine Liebe zu uns ist grenzen- und bedingungslos. Er versorgt uns mit allem, was wir wirklich brauchen. Und wenn er uns Dinge vorenthält wie z. B. Kindergartenplätze, dann dürfen wir uns dennoch auf ihn verlassen, denn er ist treu. Immer. Und obwohl wir vielleicht nicht alles haben, was wir meinen zu brauchen, beschenkt er uns mit so viel mehr als wir uns je erträumt haben. Wir haben mehr als genug. Er selbst ist mehr als genug.

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