Die Welt seufzt und ich mit ihr

Corona. Steigende Infektionszahlen. Geschlossene Hotels, Restaurants, Konzerthäuser und Theatersäle. Ein gespaltenes Deutschland: Maskenträger hier, Coronaleugner da. Zudem jährt sich heute die schreckliche Reichskristallnacht vom 9. November 1938 und ich frage mich, ob wir zu wenig aus unserer dunklen Vergangenheit gelernt haben, denn gerade an diesem Wochenende liefen auf der „Querdenken“-Demo hier in Leipzig immer noch Menschen mit eben diesem furchtbaren nationalsozialistischen Gedankengut durch unsere Straßen. Momentan habe ich schon gar keine Lust mehr, die Nachrichten zu verfolgen. Ist das alles wirklich wahr? Da ist so viel Schlechtes in dieser Welt. So viel Leid, Ignoranz, Krankheit, Hass. Ich atme tief ein und spüre: Die Welt seufzt. Und ich mit ihr.

Hoffnung

Aber gleichzeitig spüre ich auch etwas anderes: Inmitten dieser verrückten Zeit, in der wir leben, gibt es Hoffnung. Ebenfalls am 9. November, im Jahr 1989, fiel die Mauer. Die friedliche Revolution führte zum Ende der DDR und zur deutschen Wiedervereinigung. All das feiere ich heute, 31 Jahre später. Aber es gibt noch unzählige weitere Hoffnungsschimmer in diesen Tagen, denn Schönheit und Liebe müssen nicht den Mindestabstand einhalten. Sie sind mitten unter uns und warten nur darauf, entdeckt zu werden. Da ist z. B. unsere Jüngste, unser „Corona-Baby“. Sie lacht mich freudestrahlend an und macht sich keine Sorgen um Corona und Co.. Wir alle lieben sie sehr und sie liebt uns. Das genügt für den Moment. Alltagsglück mitten in diesen verrückten Zeiten. Unser ersehnter Familienurlaub ist ausgefallen, aber stattdessen sind wir in der letzten Woche spontan an den See gefahren. Haben die Picknickdecke ausgebreitet, Kuchen gegessen und den Sonnenuntergang bestaunt. Wie atemberaubend schön ist das! Zwei Tage später stiegen wir in unsere Wanderstiefel und fuhren ins Elbsandsteingebirge. Atemberaubende Landschaften zu unseren Füßen. Ich seufze: Wie wunderschön ist diese Welt! Trotz Corona.

Zweierlei Seufzen – zwei Beine

Und so will ich weiterhin seufzen: staunend seufzen über all das Schöne und traurig seufzen in Anbetracht all des Hässlichen. Denn es gibt Beides. 

Dietrich Bonhoeffer, der zu einer noch verrückteren Zeit lebte als wir, schreibt: „Bei Jeremia [in der Bibel] heißt es in der größten Not seines Volkes „noch soll man Häuser und Äcker kaufen in diesem Lande“ als Zeichen des Vertrauens auf die Zukunft. Dazu gehört Glaube; Gott schenke ihn uns täglich; ich meine nicht den Glauben, der aus der Welt flieht, sondern der in der Welt aushält und die Erde trotz aller Not, die sie uns bringt, liebt und ihr treu bleibt. […] Ich fürchte, dass die Christen, die nur mit einem Bein auf der Erde zu stehen wagen, auch nur mit einem Bein im Himmel stehen.“ 

Und so will ich also mit beiden Beinen auf der Erde stehen. Die Nachrichten lesen, auch wenn ich sie oft nicht hören mag. Für unser Land und meine Stadt beten. Mich im Elternrat des Kindergartens engagieren, um zu helfen, wo ich kann. Meine Familie lieben und schöne Momente inmitten dieser verrückten Coronazeit schaffen. Und während ich seufzend mit beiden Beinen auf dieser Welt stehe, hebe ich meinen Blick zum Himmel. Diese Welt ist nicht perfekt, aber sie ist schließlich auch nicht mein Zuhause. Es gibt einen besseren Ort, an den ich gehöre und auf den ich mich freue. Oh, ich freue mich wirklich! Aber bis es soweit ist, stehe mit beiden Beinen fest auf dieser Welt. Ich höre sie seufzen. Und seufze gemeinsam mit ihr. 

„Wir wissen allerdings, dass die gesamte Schöpfung jetzt noch unter ihrem Zustand seufzt, als würde sie in Geburtswehen liegen.“ (Römer 8,22)

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