Das Leben ist kein Wartezimmer

Alles sind Phasen. Zum Glück und leider.

Das Leben kann sich anfühlen wie ein Wartezimmer. Wir warten auf den nächsten Urlaub, unser Traumhaus oder eine Gehaltserhöhung. Wir sehnen das Ende des nervenaufreibenden Jobs herbei und das Ende einer Krankheitsphase. Wenn endlich dieses oder jenes geschieht, dann wird alles besser. Aber was wäre, wenn die schönen Momente des Lebens nicht nach einer anstrengenden Lebensphase stattfinden, sondern mittendrin? Sind sie womöglich genau in diesem „Wartezimmer“ zu finden, das sich Alltag nennt? 

Die letzten Tage waren für uns als Familie sehr herausfordernd. Unsere Kinder werden seit einiger Zeit von einem schlimmen Husten geplagt und hatten zeitweise hohes Fieber. Zudem macht unsere Große gerade wohl einen Entwicklungsschub durch. Kurzum: Ich bin von morgens bis abends von zwei kranken Kindern umgeben, deren Gemütszustand schon einmal deutlich besser war. So saß ich in den letzten Tagen abends oft auf dem Sofa und war in erster Linie froh, dass wir den Tag überlebt hatten. Ich sagte mir und meinem Mann, dass das „nur eine Phase“ sei, die bestimmt bald endet. Wenn die Tage wieder entspannter sind, dann wird alles besser. Vorgestern Abend bat ich meine Freundinnen um Gebet, denn ich sehnte das Ende dieser Phase herbei. Ich war zuversichtlich, dass Gott etwas verändern würde. Und tatsächlich tat er direkt am nächsten Tag etwas, aber etwas anderes als ich erwartet hatte.

Eine unerwartete Gebetserhörung

Am nächsten Morgen dachte ich zunächst, dieser Tag würde tatsächlich besser laufen als die vorigen. Die Stimmung war relativ gut, doch noch vor dem Mittagessen kippte sie wieder. Gemeinsam entschieden wir uns daher für einen Ausflug zu einem kleinen Fluss im nahegelegenen Wald. Meiner Großen erlaubte ich, den ganzen Weg allein mit dem Rad zu fahren. Da wir erst selten gemeinsame Fahrradtouren gemacht haben, freute sie sich riesig.

Dort angekommen bastelten wir Papierschiffchen, die wir anschließend beim Davonfahren bzw. Untergehen beobachteten. Wir warfen Steine und Stöcke ins Wasser und genossen die gemeinsame Zeit im Wald. Als wir uns schließlich auf den Heimweg machten, waren wir glücklich und entspannt. Und während ich unsere Große beim Radfahren beobachtete, wurde mir schlagartig bewusst, was ich nur zu leicht vergesse: Die Zeit vergeht so schnell!

Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich erst seit einigen Monaten Mutter. In Wirklichkeit ist das ziemlich genau vier Jahre her! Unser Zweijähriger hat sich neulich auf das Fahrrad seiner Schwester gesetzt und es wird vermutlich nicht mehr lange dauern bis die beiden gemeinsam über die Wiesen radeln.

Eine neue Sichtweise

Der Alltag mit Kindern ist oft herausfordernd. Manche Tage ziehen sich hin wie Kaugummi. Sie scheinen kein Ende zu haben und an manchen Tage genügt es tatsächlich, einfach zu überleben. Doch wenn sich unser Alltag mit Kindern vorrangig nach einem Überlebenskampf anfühlt, verpassen wir so viel! Denn kaum ist eine anstrengende Phase vorbei, folgt oft direkt die nächste. Aber inmitten all dieser „Phasen“ verstecken sich unzählige schöne Momente. Gemeinsame Erlebnisse, feuchte Küsse, Freudentränen und klebrige Schokofinger. Halten wir nach ihnen Ausschau oder sind wir zu beschäftigt mit Warten?

Heute möchte ich mir selbst etwas zurufen: „Genieße jeden Moment mit deinen Kindern! Sie werden so schnell groß! Warte nicht auf das Ende dieser anstrengenden Phase, sondern lebe im Jetzt!“ 

Mein Wunsch

Eines Tages möchte ich auf mein Leben zurückschauen und sagen können, dass ich jeden Moment bewusst gelebt habe. Dass ich nicht ständig auf ein besseres Morgen mit anderen Umständen gewartet habe. Ich möchte für jeden Tag dankbar sein. Für jedes Kind, jeden Entwicklungsschub, jede Phase, jedes „Wartezimmer“. Denn jede Phase geht vorbei. Nichts auf dieser Welt ist von ewiger Dauer. Gestern wurden unsere Kinder geboren, heute fahren sie schon Rad und morgen sind sie erwachsen. Zum Glück und leider.

„Jedes Ereignis, alles auf der Welt hat seine Zeit: […]  Weinen und Lachen, Klagen und Tanzen, Steinewerfen und Steinesammeln, […] Lieben und Hassen, Krieg und Frieden.“ (Prediger 3, 1-8)

Hoffnung für das Wartezimmer

Und dennoch können uns viele Phasen an das Ende unserer Kräfte bringen. So bin ich unzählige Male an die Grenzen meiner Geduld und Liebe gekommen. Ich musste erleben, dass mein Geduldsfaden leider nur zu schnell reißt. Aber mitten im Heute darf ich etwas Erstaunliches feststellen: Im Gegensatz zu mir ist Gott unendlich geduldig. Mit mir. Aber nicht nur seine Geduld, sondern auch seine Liebe ist grenzen- und bedingungslos. Er ist so anders als ich. Das, was ich meinen Kindern gegenüber nicht schaffe, ist ein Leichtes für ihn: Er erträgt jede meiner Phasen und liebt mich hindurch. Und mehr noch: In jeder noch so herausfordernden Phase darf ich mich von ihm lieben lassen und diese Liebe ist es, die mich verändern kann. Sie befähigt mich, auch meine Kinder durch jede Phase hindurchzulieben.

Was wäre also, wenn wir aufhörten, das Ende einer anstrengenden Phase herbeizusehnen und stattdessen anfingen, im Heute zu leben? Was wäre, wenn wir zuließen, dass uns die jeweiligen Herausforderungen in die liebenden Arme Gottes treiben, der uns in jeder Phase geduldig erträgt und uns mit Güte begegnen möchte?

Gott sagt: „Ich habe euch schon immer geliebt, darum bin ich euch stets mit Güte begegnet.“ (Jeremia 31,3)

4 Replies to “Das Leben ist kein Wartezimmer”

  1. Oh danke liebe Natalie. Wie sehr ich deinen Beitrag gerade unterschreiben kann. Es gibt Wochen die sind so herausfordernd. Danke für die Erinnerung, dass alles so schnell vorbei zieht und jeder Moment so kostbar ist.

    1. Sehr gerne liebe Mirjam 🙂
      Ich freue mich, dass dieser Text so gut in deine Situation gepasst hat. Viel Segen, Kraft und Freude für diese herausfordernden und spannenden nächsten Wochen, die viel Veränderungen mit sich bringen werden. Liebste Grüße aus Leipzig, Natalie

  2. Das hast du so gut in Worte gefasst, Natalie! Ich denke immer, die ganze Kindheit ist eine einzige ‚Phase’… 😉
    Mal mittendrin mit den Kindern raus und die Gegenwart genießen, das mach ich selber leider auch zu selten. Aber du motivierst mich! DAnke 🙂

    1. Wie schön, das zu lesen, liebe Antschana 🙂
      Es beruhigt mich, dass ich nicht die einzige bin, der es mit den „Phasen“ und dem (Nicht-)Genießen so geht, aber noch viel mehr freue ich mich, wenn wir uns gegenseitig zum Guten motivieren dürfen. Liebe Grüße!

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