Da kann ich nicht mithalten!

Vom Vergleichen und gestiegenen Anforderungen

Es gibt wohl kaum jemanden, der sie nicht kennt: Bilder von durchgestylten Wohnungen oder modisch gekleideten, glücklichen Kindern. Fotos von sich umarmenden Pärchen bei Sonnenuntergang und Urlaubsfotos wie aus dem Prospekt.
Bilder wie diese findet man zuhauf bei Facebook, Instagram oder auf Blogs. Sie verfolgen uns auf unseren Smartphones und lassen uns auch dann nicht los, wenn wir diese längst beiseite gelegt haben. Und sie machen etwas mit uns: Sie verleiten uns dazu, uns und unser Leben mit dem Gesehenen zu vergleichen. Ich habe dadurch immer wieder das Gefühl, nicht mithalten zu können.

Dass man sich miteinander vergleicht, ist sicher kein neues Phänomen. Früher gab es auch schon Menschen, die ihre Kinder, Autos oder Häuser mit denen ihrer Nachbarn verglichen haben. Wegen der sozialen Medien gibt es heutzutage aber viel mehr „Konkurrenten“ in diesem Wettbewerb des Vergleichens.

Social media erhöht den Druck

Vor Facebook, Instagram und Co. konnte man sich eigentlich nur mit den Menschen aus seinem direkten Umfeld vergleichen: mit Verwandten, Freunden, Kollegen, Nachbarn. Heute jedoch gibt es da zusätzlich die Menschen, die man nur flüchtig beim Sport kennengelernt hat, nun aber in WhatsApp-Gruppen wiedertrifft. Oder diejenigen, die man früher einmal kannte, mit denen man aber seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, außer die „Freundschaft“ bei Facebook. Und dann sind da noch jene Menschen, die man vielleicht überhaupt nicht persönlich kennt, aber über deren Wohnungen, Reisen, Erziehungsstil oder Essensgewohnheiten man sich per Instagram informiert.

Hohe Anforderungen an den Menschen von heute

Es ist also nicht nur die Zahl der „Mitbewerber“ gestiegen. Social Media macht es möglich, alles zu posten und somit auch alles zu vergleichen: Wer hat was? Wer unternimmt was? Wer kann was? Wer isst was?

Zudem sind die Ansprüche gestiegen: Früher war meist der Mann der Alleinverdiener. Er musste erfolgreich im Job sein. Die Aufgabe der Frau war es, sich gut um Haus und Kinder zu kümmern. Heute sieht das anders aus. Nun muss jeder in nahezu allen Bereichen perfekt sein. Der Mann soll im Job erfolgreich sein, aber zudem auch unterstützender Ehemann, fürsorglicher Vater und zeitweise Hausmann. Die Frau soll gleichberechtigte Karrierefrau sein, attraktive Ehefrau, gute Mutter, Haushälterin usw.

Dies alles setzt uns permanent unter Druck. Wir kommen nie zur Ruhe und jagen einem Ideal nach, das es in Wahrheit nicht gibt. Dabei berauben wir uns unserer Freiheit und ganz nebenbei auch unserer Freude. Dieses Nachjagen und Vergleichen hinterlässt bei uns oft das ungute Gefühl des Nicht-Mithalten-Könnens. Ich bin nicht gut genug. Wir realisieren, dass wir unseren Ansprüchen nicht gerecht werden können. Aber wie gehen wir damit um?

Die „Leistungen“ der anderen herunterspielen

Ich erwische mich manchmal dabei, dass ich das abwerte, was der andere kann oder hat: „Ja, sie arbeitet zwar wieder erfolgreich, aber dafür sieht sie ihre Kinder kaum noch.“ Hier lasse ich die Tatsache, dass die andere Mutter zurück im Job ist, nicht einfach so stehen. Stattdessen mache ich mich zum Richter über sie. Und wenn ich ehrlich bin, tue ich das oft, damit ich selbst besser dastehe, ganz nach dem Motto: „Ich hingegen bin ganz für meine Kinder da.“
Mit diesem stolzen Verhalten stelle ich mich über die andere und erniedrige sie. Gleichzeitig löse ich nicht das Problem, sondern vergleiche immer noch, indem ich Bereiche suche, in denen ich „besser“ bin.

Prioritäten setzen und Ansprüche herunterschrauben

Eine andere Möglichkeit, mit dem Gefühl des Nicht-Mithalten-Könnens umzugehen ist, Prioritäten zu setzen. So habe ich z. B. nach der Geburt meines zweiten Kindes gemerkt, dass ich mit dem Putzen zeitweise nicht mehr hinterherkam. Es liegen quasi immer Krümel unter unserem Esstisch, weil ich nicht nach jeder Mahlzeit wischen kann (die Kinder essen zirka fünfmal am Tag).

Ich könnte nun in Selbstmitleid versinken, weil unsere Wohnung nicht aussieht wie bei Schöner Wohnen. Oder ich frage mich, was mir persönlich wirklich wichtig ist. Was sind meine Prioritäten? Dann kann ich meine Ansprüche in anderen, für mich weniger wichtigen Bereichen herunterschrauben.

Ich möchte zum Beispiel, dass meine Kinder sich an viele gemeinsame Erlebnisse mit mir erinnern und nicht daran, dass ich fünfmal am Tag den Boden gewischt habe. Wenn ich das vor Augen habe, muss ich nun nicht mehr nach jeder Mahlzeit putzen, sondern kann mich auch mal entspannt zu meinen Kindern ins Zimmer setzen. Eine saubere Wohnung ist mir weniger wichtig als gemeinsame Zeit mit ihnen. Ich habe meine Prioritäten vor Augen und kann meine Sauberkeitsansprüche herunterschrauben. Ist das also die Lösung?

Ich kann nicht alles schaffen

Wenngleich ich diese Herangehensweise hilfreich finde, ist das Problem des Vergleichens damit immer noch nicht gelöst. Denn ich reduziere zwar die für mich wichtigen Bereiche und das nimmt mir auf den ersten Blick eine Menge Druck. Ich fühle mich nun nicht mehr ständig gestresst von den Krümeln auf dem Boden. So weit, so gut.

Aber gleichzeitig habe ich durch mein Prioritätensetzen bestimmte Bereiche als „besonders wichtig“ eingestuft. In diese stecke ich nun meine Energie und vermutlich werde ich mich weiterhin vergleichen. Eben in diesen Bereichen. Das Setzen von Prioritäten kann mir also einerseits Druck nehmen, andererseits kann sich dadurch aber der „Erfolgsdruck“ in meinen ausgewählten, wichtigen Bereichen erhöhen: Habe ich die Zeit mit meinen Kindern auch gut genutzt? Wir waren wieder „nur“ auf den verschiedenen Spielplätzen unterwegs. Die anderen Mamas haben mit ihren Kindern Kastanienmännchen gebastelt und vegane Kekse gebacken… Ich vergleiche also schon wieder!

Was befreit mich wirklich von dieser ständigen Vergleicherei? Von dem Gefühl des Nicht-Mithalten-Könnens? Was befreit mich vom Selbstmitleid, wenn ich denke: Alle anderen bekommen ihr Leben besser organisiert als ich! Allen geht es besser als mir!

Gott vertrauen

Anstatt mich zu vergleichen, muss ich von mir und den Menschen um mich herum wegsehen. Ich muss meinen Blick vielmehr auf den richten, der mich durch und durch kennt: Gott weiß, dass ich begrenzt bin. (vgl. Psalm 103, 14)

Ich muss ehrlich sein und meine eigenen Grenzen und Begrenzungen anerkennen. Ich schaffe nicht alles. Ich bin nicht perfekt. Im Gegenteil: Statt mich mit anderen über ihre Erfolge, Urlaube oder Häuser zu freuen, denke ich oft, dass ich sowas auch gerne hätte. Oder ich stelle mich stolz über andere und werte ihre Errungenschaften ab.

Aber obwohl Gott meine Begrenzungen sieht und auch mein Versagen kennt, liebt er mich: „Wie ein Vater seine Kinder liebt, so liebt der HERR alle, die ihn achten und ehren.“ (Psalm 103,13) Seine Liebe zu mir ist nicht abhängig von meiner Leistung, sondern im Gegenteil: „Als wir Gott noch feindlich gegenüberstanden, hat er uns durch den Tod seines Sohnes mit sich selbst versöhnt.“ (Römer 5,10)

Wenn ich mich von meinem Schöpfer geliebt weiß, kann ich aufhören, mich mit anderen zu vergleichen. Ich bin nicht länger auf die Anerkennung von Menschen angewiesen. Gott liebt mich wenn meine Wohnung frisch geputzt ist und auch wenn sich die Krümel explosionsartig unter dem Esstisch vermehren.

Gott hat außerdem nur gute Absichten für seine Kinder. Für alle, die ihm von Herzen glauben und vertrauen. Er weiß, was wir brauchen und versorgt uns mit allem Notwendigen. Vielleicht wünschen wir uns manches, was wir nicht haben, aber auf Instagram sehen. Aber auch und gerade dann dürfen wir Gott vertrauen, dass er besser weiß, was wir benötigen. (vgl. Lukas 12,22-31Jesaja 55,8 , Römer 8,28)

Wenn mir Gottes Liebe bewusst ist, kann ich Bilder von durchgestylten Wohnungen anschauen und sie doch mit anderen Augen sehen als zuvor. Ohne Neid. Ohne zu vergleichen. Und ohne das Gefühl, nicht mithalten zu können, weil ich weiß, dass mein Gott mich liebt. Bedingungslos.

 

Gänseblümchen

6 Replies to “Da kann ich nicht mithalten!”

  1. Schöner Beitrag und vor allem schön zu sehen das es anderen auch so geht. Auch andere Kinderlose.. Hier zählt die Zeit mit dem Partner auch mehr als Fingerabdrücke auf dem Spiegel.

    Eifersucht und Neid sind sehr schwerliegende Themen und ich denke da hat jeder mit zu kämpfen. Gott lässt es uns erkennen und durch direkte Fürbitte hilft er auch hier. Darauf sind wir angewiesen.

    Für das Problem mit den Krümeln unterm Tisch kann ich nur einen Hund empfehlen. 😀😀

  2. Hallo David,
    danke für deine Rückmeldung! Ich freue mich immer über Kommentare und insbesondere finde ich es schön, dass der Text auch hilfreich ist für Leute ohne Kinder. 🙂 Letztlich geht das Thema ja viele von uns an, genau wie du schreibst. Egal ob mit oder ohne Kind.

    Danke auch für den Tipp mit dem Hund! 😉 *haha*

  3. …bei mir hängt seit einigen Wochen ein Spruch von Teresa von Avila, den ich mir immer und immer wieder vor Augen halte: „Man muss nicht alles an einem Tag fertig haben wollen.“
    So schlicht, so wahr.
    Das hilft mir, die Prioritäten zu setzen – und das nie endende wollende Chaos auch einfach mal Chaos sein zu lassen.
    Danke für deine Anregungen.
    Liebe Grüße, Nadine

    1. Hallo Nadine,
      schön, hier von dir zu lesen! 🙂
      Ja, das ist ein guter Spruch! Ich kenne das wirklich sehr gut, dieses Gefühl, immer gerne alles möglichst schnell abhaken zu wollen. Aber wie du schreibst: Man muss sich hier immer wieder die eigenen Prioritäten vor Augen halten und sich fragen, was man wirklich möchte. Ich denke, das bewahrt uns auch davor, passiv zu werden und nur stur alles Mögliche abzuarbeiten ohne wirklich von Herzen dabei zu sein. Stattdessen möchte ich immer mehr lernen, mein Leben wirklich aktiv zu gestalten und dazu gehört eben auch, nicht immer alles sofort machen zu müssen. Denke ich zumindest 🙂 Zu diesem ganzen Thema passt auch irgendwie mein Blogpost „Wenn der Tag mehr Stunden hätte“. Ich finde, beide Themen sind miteinander verwoben…
      Also: Danke für deinen Kommentar und liebe Grüße! 🙂

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